Für einen guten Entscheid braucht es mehr als Argumente 

23.06.2026

Gute Entscheidungen entstehen selten allein durch gute Argumente. Wer verstehen will, weshalb Teams Entscheidungen vertagen oder sich im Kreis drehen, muss auch Bedürfnisse, Beziehungen und den organisatorischen Kontext berücksichtigen. Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) bietet dafür einen hilfreichen Orientierungsrahmen.

Ein Beitrag von Annette Jordan, Seminarleiterin in der Stiftung 3FO; Supervisorin (BSO) und Transformationsexpertin

„Wir haben im Meeting vieles besprochen und dann war doch der Entscheid nicht klar!“ Kennen Sie das? Oder „es wurde um den heissen Brei geredet und trotz meines Nachfragens, wurde das eigentliche Problem nicht benannt.” (In der Kaffeepause wurde ich ausserdem darauf hingewiesen, dass es nicht üblich ist, kritische Themen in dieser Form konkret anzusprechen.) Hier wurde der Entscheid vertagt. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich solche Situationen immer wieder erlebt – als Teilnehmerin ebenso wie als Führungskraft. Sie waren einer der Gründe, weshalb ich mich vertieft mit Coaching und Supervision in Organisationen beschäftigt habe. Denn die Frage beschäftigt mich bis heute: Warum fällt es Teams oft so schwer, zu wichtigen Themen tragfähige Entscheidungen zu treffen? 

In diesem Artikel steht nicht der Entscheidungsprozess wie Abstimmung, Mehrheitsentscheid oder Einzelentscheidung im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Analyse der jeweiligen Situation. Ich möchte anhand der Themenzentrieren Interaktion (TZI) zeigen, was die Ursachen von nicht stattfindenden Entscheiden sein können. Denn nur wer die Ursache kennt, kann aktiv etwas dagegen unternehmen. Zum Schluss möchte ich noch 2-3 Moderationsimpulse nennen. 

Annette Jordan

Annette Jordan

 

Bei der TZI gibt es das TZI-Dreieck (ICH, WIR und ES), welches von einem Kreis umfasst wird (dem GLOBE):

In Bezug auf das Spannungsfeld Entscheidungsfindung kann im Grunde davon ausgegangen werden, dass wenn kein Entscheid getroffen wird, mindestens eine dieser vier Ebenen ignoriert wird:  

  • ICH  
    persönliche Bedürfnisse, Sicherhalt, Haltung, Verantwortung  

  • WIR  
    Zugehörigkeit, Loyalität, Konflikte, Macht  

  • ES   
    die Sachfrage, der Entscheid selbst  

  • GLOBE  
    Organisation, Zeitdruck, Kultur, äussere Rahmenbedingungen 

TZI
 

Das eingangs erwähnte Beispiel (viel besprochen, kein klarer Entscheid), wirft viele Fragen auf, die geklärt werden müssen:  

  • ICH: Wollte ich selbst überhaupt einen Entscheid? Habe ich klar geäussert, was ich bräuchte, um mitzugehen?  

  • WIR: Habe ich einen Konflikt mit einem anderen Team-Mitglied und will nicht, dass er gewinnt bzw. dass ich verliere – egal ob der Entscheid sinnvoll ist oder nicht?  

  • ES: War es überhaupt schon eine fundierte und abgestimmte Entscheidungsvorlage oder gab es noch offene Fragen?  

  • GLOBE: Sassen in dem Meeting überhaupt die richtigen Personen? War allen Personen klar, was ihre Funktion in diesem Meeting war? Waren die Erwartungshaltungen klar? Gab es genug Zeit zum Diskutieren? War der Raum so ansprechend, dass sich alle wohl fühlten?  

Oft stehen Macht, Anerkennung und der Wunsch, das Gesicht zu wahren, im Mittelpunkt.  

Wenn wir das andere Beispiel vom Anfang betrachten (Reden um den heissen Brei), dann stellt sich dies aus meiner Erinnerung wie folgt dar:  

  • ICH: Ich war neu im Team und kannte die Hintergründe sowie die informellen Spielregeln noch nicht. Ich fühlte mich teilweise ausgeschlossen  

  • WIR: Konflikte wurden nicht offen angesprochen, sondern indirekt ausgetragen. Die Gruppe trug dieses Verhalten mit und stabilisierte die bestehende Kultur  

  • ES: Das eigentliche Thema wurde nicht benannt. Stattdessen wurde lange um den Kern des Problems herumdiskutiert, folglich war kein Entscheid möglich  

  • GLOBE: Zusätzlich wirkten kulturelle Rahmenbedingungen. Als Zugezogene kannte ich die lokalen Gepflogenheiten noch nicht  

In diesem Beispiel waren eigentliche alle Ebenen ein Problem. Das Hauptproblem war aus meiner Sicht die Kommunikations-Kultur in der Gruppe. Einerseits kam ich von Deutschland in die Schweiz und kannte den kulturellen Unterschied noch nicht (GLOBE). Und andererseits war es bei der Leitung generell nicht üblich, Konflikte offen anzusprechen (WIR). Der nur für geübte Zuhörer ausgetragene Konflikt durfte nicht an die Oberfläche.  

Wie könnte nun das TZI-Dreieck bei der Moderation eines Meetings helfen? Wir können in einer Situation, wo sich ein Team bei einer Entscheidungsfindung im Kreis dreht oder Entscheide immer wieder vertagt werden, eine Meta-Ebene einnehmen und die Situation mithilfe des TZI-Dreiecks hinterfragen:  

  • „Welche Ebene fehlt gerade: ICH, WIR, ES oder GLOBE?“  

  • „Wo wird die Verantwortung vermieden und warum?“  

  • „Was brauchen die einzelnen Teammitglieder, um den Entscheid mitzutragen?“ Hier zeigt sich eine Nähe zur Konsent-Methode, die jedem Beteiligten ausdrücklich Raum für Einwände gibt. Daher bin ich ein grosser Fan dieses Vorgehens. 

Das Ziel der TZI ist nicht, Entscheide zu ersetzen, sondern die Bedingungen für gute Entscheide sichtbar zu machen.  

Rückblickend waren die schwierigsten Entscheide in meiner beruflichen Laufbahn selten die fachlich komplexesten. Meist waren es Situationen, in denen Bedürfnisse, Beziehungen oder Rahmenbedingungen unausgesprochen im Raum standen. Die TZI bietet hierfür einen hilfreichen Kompass: Sie lenkt den Blick auf das, was unter der Oberfläche wirkt – und schafft damit bessere Voraussetzungen für klare und tragfähige Entscheide. 

 
 

Kontakt

Stiftung 3FO
Bielstrasse 122
4500 Solothurn

+41 32 625 50 10
dmn3fch

 
 
 
 
 
Aktion Familienfreundliche Arbeitgeber

Die Stiftung 3FO ist Teil der
«Aktion Familienfreundliche Arbeitgeber» (Kt. SO)

                    Impressum | Datenschutz

 
 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen